Der praktische Gestaltungstipp: Nießbrauch als Alternative zur Vor-/Nacherbschaft

 

In der Praxis findet man häufig den Fall, dass Vermögen im Wege der sog. Vor-/ Nacherbschaft übertragen wird. Mit der Anordnung einer Vor- und Nacherbschaft kann der Erblasser erreichen, dass zwei (oder mehr) Erben ihn nacheinander beerben: Er bestimmt, dass sein Vermögen zunächst auf eine bestimmte Person als Erben übergehen soll (Vorerbe) und danach zu einem von ihm bestimmten Zeitpunkt auf eine andere Person (Nacherbe). Der Erblasser kann somit langfristig über seinen Tod hinaus den Weg seines Vermögens vorzeichnen. Beide Personen, Vorerbe und auch Nacherbe, beerben den Erblasser, bilden jedoch keine Erbengemeinschaft, da sie zeitlich nacheinander Erbe sind. Der Vorerbe ist Erbe auf Zeit, während beim Nacherben die Erbschaft endgültig verbleibt. Das ist der Grund warum der Vorerbe in seinem Umgang mit dem Nachlass eingeschränkt ist. Der Vorerbe darf das Vermögen nutzen (letztlich also die Erträge hieraus) aber das Vermögen nicht schmälern, da das Vermögen im zweiten Erbgang final dem Nacherben zu Gute kommen soll.

Die Wirkungsweise der Vor-/Nacherbschaft (also Nutzung durch den Vorerben aber Erhaltung des Vermögens für den Nacherben) lässt sich prinzipiell alternativ auch über den Weg des Nießbrauchs gestalten. Beim Nießbrauch geht das Vermögen direkt auf den Letzterwerber über („Nacherbe“), die Nutzung, d.h. die Erträge aus dem Vermögen, stehen aber dem Nießbrauchsberechtigten („Vorerbe“) zu. Betrachtet man den Vorerben im Vergleich zum Nießbrauchsberechtigten aus wirtschaftlicher Sicht, so kommt man zu dem Ergebnis, dass beides relativ gleichwertig ist.

Der Vorteil beim Nießbrauch liegt aber insbesondere darin, dass im Gegensatz zum Vor-/ Nacherbschaftsfall das gleiche Vermögen nicht doppelt übergeht und damit zweimal der Besteuerung unterworfen wird. Das Vermögen geht vielmehr unmittelbar auf die eigentlichen Erwerber („Nacherben“) über. Damit muss auch der zwischenzeitlich etwaig sich ergebende Wertzuwachs später nicht mehr besteuert werden. Der weitere Vorteil liegt darin, dass die Steuerlast zudem auf zwei Personen aufgeteilt wird, was wiederum doppelte Freibeträge und günstigere Steuersätze nach sich ziehen.

Beispiel:

Das Vermögen des Erblassers E im Steuerwert von 2.500.000 € geht auf den Sohn S über. Für die Ehefrau F (65 Jahre) ist ein Nießbrauchsvermächtnis angeordnet. In der Alternativvariante wird die Mutter Vorerbin und der Sohn Nacherbe. In beiden Varianten bestand Gütertrennung und der voller Versorgungsfreibetrag steht zur Verfügung.

Lösung (Vor-/Nacherbschaft):
Steuerpflichtiger Erwerb F (2.500.000 ./. §§16, 17) 1.744.000 € Steuer F (Steuerklasse I, 19%) 331.360 € Steuerpflichtiger Erwerb S (2.500.00 ./. § 16 ./. Steuerlast F) 1.768.640 € Steuer S (Steuerklasse I, 19%) 336.042 € Summe Steuerlast 667.402 €

Lösung (Nießbrauch):
Jahreswert Nießbrauch (5,5% von 2.500.000) 137.500 € Maximaler Jahreswert (2.500.000 / 18,6) 134.408 € Kapitalisiert (12,455 x 134.408) 1.674.052 € Steuerpflichtiger Erwerb S (2.500.000 ./. 1.674.052 ./. §16) 425.948 € Steuerpflichtiger Erwerb F (1.674.052 ./. §§ 16, 17) 918.052 € Steuer S (Steuerklasse I, 15%) 63.892 € Steuer F (Steuerklasse I, 19%) 174.430 € Summe Steuerlast 238.322 €

Differenz zum Fall Vor-/Nacherbschaft 429.080 € (!)
Wie man an dem kurzen Beispiel erkennen kann, lässt sich durch den Einsatz der Nießbrauchsvariante eine wirtschaftlich gleichwertige Lösung zur Vor-/Nacherbschaft erzielen, die jedoch steuerlich erheblich günstiger ausfällt. Für eine konkrete Gestaltungsüberlegung diesbezüglich im Einzelfall sowie eine detaillierte Steuerberechnung sprechen Sie am besten mit Ihrem persönlichen Steuerberater.